Margot Käßmann ist Projektpatin

© Monika Lawrenz

"Eine zentrale Aussage der Reformation lautet: Der Mensch darf und soll frei denken - gerade auch in Glaubens- und Gewissensfragen.In dieses Thema und in die Geschichte der Reformation nimmt das Pop-Oratorium Luther die Zuhörer auf eine einzigartige Weise tief mit hinein - ein tolles Konzept!"

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann ist Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017 und Patin des Pop-Oratoriums.

Margot Käßmann im Interview

Welchen Zugang zu Luther haben Sie persönlich, was fasziniert Sie am meisten an ihm?

An Luther fasziniert mich am meisten seine Sprachkraft, also diese Genialität mit der er die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt hat. Es ist eindrucksvoll, wie das bis heute in unseren Ohren klingt. Und mich faszinieren auch seine Predigten oder die anderen Texte, die ich nachlese. Seine Sprache war schon sehr direkt und hat die Menschen offensichtlich angesprochen.

Warum soll ganz Deutschland dieses Jubiläum feiern?

Für mich betrifft das Reformationsjubiläum nicht nur die Evangelischen. Der deutsche Bundestag hat 90 Minuten darüber debattiert und gesagt, dass das Jubiläum von kultur‐historischer Bedeutung für das ganze Land, ja für Europa und die Welt ist. Und ich finde, dass wir mit den römischen Katholiken, mit den Mennoniten, mit den Methodisten auch sagen können: ‚Das ist unsere gemeinsame Geschichte!’ Die betrifft uns alle, diese Geschichte und deswegen bin ich überzeugt, 2017 können wir im ökumenischen Horizont feiern.

Welche Projekte sind herausragend für das Jubiläumsjahr?

Die evangelische Kirche plant für das Jubiläumsjahr fünf ‚Säulen’. Am 31. Oktober 2016 wird das Reformationsjubiläum offiziell eröffnet und von dort ein Veranstaltungsbus auf die Reise geschickt, der 55 europäische Städte anfährt und dort fragt ‚Was ist reformatorisch heute für euch?’ – in Prag, in Budapest, in Genf natürlich in Zürich aber auch in Rom oder in Lund oder in Dublin. Der Bus bringt diese Thesen und Geschichten dann nach Wittenberg. Da werden wir in und um die Stadt vom 20. Mai bis zum 10. September 2017 eine „Weltausstellung Reformation“ präsentieren mit Diskussionen über Bildung, ökumenischen Gesprächen, Religionsdialogen, Kunst und Kultur. Dazu gibt es als dritte Säule parallel ein großes Jugendcamp, ein reformatorischen Sommer für die Jugend in und um Wittenberg. Und schließlich den Kirchentag in Berlin und kleine Kirchentage auf dem Wege hin zur fünften Säule, dem Großgottesdienst am 28. Mai.

Sie haben die Patenschaft für das Pop‐Oratorium Luther von Michael Kunze und Dieter Falk übernommen. Warum?

Erst einmal sind Michael Kunze und Dieter Falk ein geniales Team. Das haben wir ja schon beim Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ gesehen. Ich finde, diese Kombination von theologisch‐historischem Inhalt und gleichzeitig dieser Musik, die Menschen mitreißt, Chöre die mitsingen können – das ist ein tolles Konzept. Die Idee, das ganze 1521 auf dem Reichstag zu Worms spielen zu lassen, verbunden mit Rückblicken und Vorblicken, ist ein toller Ansatz.

Ist Pop‐Musik ein würdiges Feld, um die Reformation und Luther zu würdigen?

Auf jeden Fall. Martin Luther hat seine Botschaft nicht nur über Texte, sondern über Lieder verbreitet. Ich wünsche mir, dass vieles von dem, was reformatorisch aufklingt heute auch nochmal in neuen Tönen aufgenommen wird. Also, es ist überhaupt kein Widerspruch, sondern ich denke, es ist eine Fortschreibung.

Die beiden großen Kirchen haben viele Mitglieder verloren, in wie weit kann eine Veranstaltung wie das Pop‐Oratorium Luther dazu beitragen, die Menschen wieder für Glauben und Kirche zu gewinnen?

Ich denke ein Pop‐Oratorium ist niedrigschwellig. Da gehen Menschen hin auch wenn sie sagen, ich bin jetzt nicht so eng an der Kirche dran, aber das höre ich mir mal an, da mach ich mit, da bin ich dabei. Und vielleicht ist für manchen dann doch eine Botschaft dabei, die sagt, da könnte ich mal drüber nachdenken, was es mit Glauben und Gott vielleicht für mich zu tun hat.

Haben Sie selbst schon einmal im Kirchenchor gesungen?

Ich habe immer gerne gesungen, aber ich habe nicht im Chor gesungen, ich habe im Posaunenchor gespielt.

Haben Sie ein Lieblingslied?

Ich liebe viele Gesangbuchlieder, „Befiehl du deine Wege“ ist das, was mich am meisten bewegt: „Der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann“, das finde ich ermutigend und trostreich.

Welche Musik hören Sie gerne?

Ich höre gerne – das ist natürlich, alle Protestanten sind so geprägt – Bach. Aber ich bin dann doch auch jemand, die sehr gerne mal Grönemeyer hört oder – auch aus alten Zeiten – immer wieder die Beatles oder Billy Joel und Bruce Springsteen. Das ist was, was mich geprägt hat.

An der Reformation haben auch Calvin, Zwingli und andere mitgewirkt.

Und sogar auch Frauen! Es ist natürlich zu kurz gegriffen die Reformation auf Luther zu beschränken. Das werden wir 2017 auch nicht tun. In der Vorbereitung kommen die Genannten alle vor und ich finde besonders großartig, dass wir das mit den Reformierten zusammen vorbereitet haben: Mit dem Schweizer evangelischen Kirchenbund hat die Evangelische Kirche in Deutschland einen großen Kongress mit ihren Partnerkirchen in aller Welt abgehalten. Es wird also 2017 keinen Kult um Luther geben, sondern Reformation im Gesamtgeschehen. Die Tschechen sind ja auch dabei in der Vorbereitung und legen Wert drauf, dass schon 100 Jahre vor Luther bei Jan Hus ähnliche Ideen kursierten – die Messe in der Volksprache beispielsweise, die Bibel übersetzen, das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Aber es führt kein Weg dran vorbei, dass Luther die zentrale Figur bleibt.

Ist das Feiern angesichts der dunklen Seiten Luthers wirklich angemessen, er war ja zum Beispiel nicht gerade ein Judenfreund?

Wir können feiern, dass wir gelernt haben, auch die Schattenseiten des Reformators zu sehen. Das haben wir 2013 im Jahr „Reformation und Toleranz“ aufgearbeitet. Luthers Antijudaismus ist ein schweres Erbe und die Schrift von 1543 kaum erträglich zu lesen, weil er sagt: „Verbrennt ihre Synagogen und vertreibt sie.“ Die Nazis haben das später benutzt, haben sich auf Luther berufen mit ihrem Morden und ihrer Zerstörung. Wenn wir aber unsere eigene Geschichte aufarbeiten, dann können wir trotzdem feiern.

Was gibt es noch, dass man bei Luther kritisch beurteilen muss?

Kritisch an Luther können wir durchaus sein Verhältnis zur Gewalt sehen. Ich finde seine Sprache manchmal leider auch gewalthaltig. Das wäre heute absolut inakzeptabel. Im Bauernkrieg hat er sich gegen die Rechte der Bauern ausgesprochen und dadurch ja auch mit Münzer völlig gebrochen. Diese Geschichte sollten wir auch kritisch aufarbeiten. Luther war nicht der makellose Held. Aber wir können seine Stärken sehen, ohne seine Schwächen zu verleugnen.

Warum sind die meisten Kirchenlieder so alt? Manchmal wirken neue Kirchenlieder mit aktuellen Texten und Melodien in den Gottesdiensten wie Fremdkörper …

Das kann ich so nicht sagen, dass Kirchenlieder grundsätzlich „alt“ sind. Es gibt alte Lieder, die immer Bedeutung behalten werden, weil sie so tiefgründig sind. „Eine feste Burg ist unser Gott“ etwa wird auf der ganzen Welt gesungen. Über dieses Lied und seine Inhalte kann man diskutieren. Aber das ist Erbgut, das wir nicht einfach aus dem Gesangbuch werfen dürfen. Meine Generation ist mit Fritz-Baltruweit‐Liedern aufgewachsen. Die sind nun auch schon seit 30 Jahren im Gesangbuch. In meiner Zeit galt es als modern, bei der Konfirmation zu singen „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Das wirkt für manche heute auch schon wieder alt. Tradition muss sich ständig erneuern. Das ist auch reformatorisch. Es muss immer neues Liedgut geben. Ich habe den Eindruck, das erweist sich dann schon, ob sich ein Lied einsingt und weitersingt. Manche neuen Lieder sind inzwischen doch ganz tief in uns verwurzelt. „Vertraut den neuen Wegen“, das wird in jeder Gemeinde gesungen.

Im Pop‐Oratorium ist eine ist eine zentrale Aussage „Selber denken“. Greift dieser Ansatz für Sie als Theologin und Reformationsbotschafterin weit genug?

Für mich ist der Ansatz „selber denken“ ganz entscheidend. Das ist reformatorisch, dass der Mensch selber fragen und denken darf. Für Luther galt das natürlich von der Bibel her. Die Menschen sollten selber lesen und schreiben lernen. Alle Jungen und Mädchen. Gleich welcher sozialen Herkunft. Damit sie selber lesen und selber Fragen stellen können. Für mich ist das heute eine Grundansage gegen jeden Fundamentalismus. Fundamentalismus mag es nicht, wenn du selber denkst. Deshalb ist für mich die Reformationsgeschichte auch eine Geschichte der Freiheit. Ich finde, das wird im Oratorium sehr schön deutlich.

Vielen Dank für das Interview!

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